Metabolisches Syndrom – Anhand welcher klinischen Parameter Ärzte die Diagnose stellen

Ganz einfach und eindeutig ist die Angelegenheit offensichtlich nicht. Warum sonst sollte es verschiedene Definitionen des Metabolischen Syndroms geben? Unter anderem haben beispielsweise die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 1999, das amerikanische National Cholesterol Education Program (NCEP) im Jahr 2002 und – im letzten Jahr – die International Diabetes Foundation (IDF) von einander abweichende Beschreibungen veröffentlicht. Professor Matthias Blüher von der Klinik und Poliklinik III der Universitätsklinik Leipzig schränkt allerdings ein: „Sicherlich gibt es da Unterschiede, aber inzwischen herrscht eine gewisse Stabilität. Die wichtigsten Parameter des Metabolischen Syndroms stehen fest und sind allseits akzeptiert.“

Um die heute gültigen Kriterien zu verstehen, lohnt sich ein Blick zurück. Erstmals beschrieben wurde ein Zusammenhang zwischen Bluthochdruck, Fett- und Zuckerstoffwechselstörungen und Übergewicht Anfang der 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Professor Markolf Hanefeld, heute Direktor des Forschungsbereichs Endokrinologie und Stoffwechsel am Zentrum für Klinische Studien in Dresden und Vorstand der Stiftung RUFZEICHEN GESUNDHEIT!, war damals bei der histologischen Untersuchung von Leberbiopsien aufgefallen, dass diese Krankheiten bei vielen Patienten zusammen auftraten. Darauf aufbauend entwickelte er das erste Konzept des Metabolischen Syndroms.

In den Folgejahren intensivierten sich weltweit die Forschungsaktivitäten in diese Richtung, so dass die Zusammenhänge allmählich besser verstanden wurden. Basierend auf diesen neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen entwarfen verschiedene Organisationen modifizierte Definitionen des Metabolischen Syndroms. „Mitte der 90er-Jahre rückten beispielsweise Diabetologen die Insulinresistenz ins Zentrum der Aufmerksamkeit“, erklärt Professor Blüher. Diese Tendenz schlug sich daher auch in der Definition der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahr 1999 nieder.

Insulinresistenz gilt als Vorläufer einer Diabetes Typ-2-Erkrankung. Bei gesunden Menschen reguliert das Hormon Insulin auch die Speicherung von Fettmolekülen in Körperzellen. Wenn allerdings die Insulinrezeptoren der Zellwände verkleben, weil zu viele Fettmoleküle im Blut schwimmen, lässt die Wirkung des Hormons nach. Um dagegen anzukämpfen, schüttet der Körper vermehrt Insulin aus. Solange die Bauchspeicheldrüse in der Lage ist, immer größere Mengen des Hormons zu produzieren, bleibt der Patient von einer Zuckererkrankung verschont. Irgendwann aber – nach zehn, zwanzig oder noch mehr Jahren – reichen die Kapazitäten des Organs nicht mehr aus. Der Patienten erkrankt an Typ-2-Diabetes.

„Ende der 90er-Jahre erkannte man dann die Bedeutung der abdominellen Adipositas“, berichtet Professor Blüher. Forscher stellten fest, dass die Fettzellen im Bauch einen deutlich höheren Einfluss auf den Stoffwechsel haben als jene im Unterhautfettgewebe oder an anderen Stellen des Körpers. Statt des Body Mass Index (BMI), der nur eine grobe Einschätzung erlaubt, ob Übergewicht vorliegt oder nicht, bevorzugten manche Experten fortan den Taillenumfang als aussagekräftigeren Risikofaktor. Erstmals berücksichtigt wurde die abdominelle Fettverteilung in der Klassifikation des amerikanischen National Cholesterol Education Program (NCEP) im Jahr 2002.

„Die dort angegebenen Grenzwerte von mehr als 102 cm bei Männern und mehr als 88 cm bei Frauen Umfang haben sich in der Praxis bewährt“, findet Professor Blüher. Laut NCEP liegt ein Metabolisches Syndrom vor, wenn drei oder mehr der folgenden Kriterien zutreffen: Neben dem Bauchumfang zählen dazu die Blutkonzentrationen der Triglyceride (über 1,7 mmol/ Liter), des HDL-Cholesterins (unter 1,04 mmol/ Liter bei Männern; unter 1,29 mmol/ Liter bei Frauen) sowie Blutdruck (über 135/85 mmHg) und Nüchternblutzucker (über 6,1 mmol/ Liter) bzw. das Vorliegen einer Zuckererkrankung vom Typ 2. Professor Blüher: „Der Vorteil dieser Definition besteht darin, dass alle aus heutiger Sicht relevanten Risikofaktoren berücksichtigt werden und die dafür nötigen Untersuchungen verhältnismäßig leicht durchzuführen sind.“

Eine Verbesserung allerdings erhofft sich Professor Blüher im Hinblick auf die Abschätzung des Diabetesrisikos: „Mit dem Nüchternblutzuckerspiegel lassen sich Frühstadien einer Zuckererkrankung nicht immer erfassen.“ Die Sächsische Landesärztekammer hat dem Rechnung getragen und in ihre aktuellen Leitlinien zum Metabolischen Syndrom ein neues Kriterium aufgenommen: die Blutzuckermessung zwei Stunden nach einer Mahlzeit, der so genannte postprandiale Blutzuckerwert. „Damit lässt sich eine mögliche Diabetesneigung frühzeitig abschätzen“, bestätigt Professor Blüher.

Weniger überzeugt hat viele Experten dagegen die Definition der International Diabetes Foundation (IDF) vom letzten Jahr. „Da wurde der Bauchumfang nochmals aufgewertet: Er wurde von der IDF nicht als ein Kriterium unter vielen festgelegt, sondern als zwingende Voraussetzung für die Diagnose“, erläutert Professor Blüher. Laut IDF liegt demnach nur dann ein Metabolisches Syndrom vor, wenn bei Männern der Taillenumfang mehr als 94 Zentimeter und bei Frauen mehr als 80 Zentimeter beträgt und mindestens zwei weitere Kriterien erfüllt sind (zu hohe Triglyceride, zu niedriges HDL-Cholesterin, Bluthochdruck, erhöhter Nüchternblutzucker oder Diabetes Typ 2).

Auch Professor Diethelm Tschöpe, Direktor des Herz- und Diabeteszentrums Nordrhein-Westfalen der Ruhr-Universität Bochum, hält die IDF-Defintion für wenig praktikabel: „Das Aufwerten des Bauchumfangs als notwendiges Kriterium und das Herabsetzen der Grenzewerte birgt die Gefahr, dass viel mehr Menschen als gefährdet gelten müssen. Das erscheint womöglich aus wissenschaftlicher Sicht richtig, praktikabel im klinischen Alltag ist es aber nicht.“ Auch er favorisiert daher die NCEP-Definition. „Sie bündelt alle wichtigen Vorhersageparameter und lässt sich gut anwenden.“ (siehe Interview)

Allerdings vermutet Professor Tschöpe, dass in den kommenden Jahren gewisse Anpassungen nötig werden. „Es gibt eine Fülle von Biomarkern, die zurzeit untersucht werden“, sagt er. „Womöglich ermöglichen einige davon, künftig das Risiko eines Patienten noch besser abzuschätzen.“ Im Fokus der Forscher stehen vor allem bestimmte Blutgerinnungs- und Entzündungsfaktoren. Potential als Vorhersageparameter scheinen unter anderem die Werte von Fibrinogen, Plasminogenactivator-Inhibitor Typ 1, C-reaktives Protein, TNF-alpha und Interleukin-6 zu haben. Darüber hinaus könnten auch Fettgewebs-Biomarker wie Leptin oder Adiponektin in künftigen Definitionen eine Rolle spielen. Professor Tschöpe ist gespannt auf die weitere Entwicklung: „In Sachen ‚Metabolisches Syndrom' tut sich extrem viel. Sowohl für die Wissenschaft als auch für die Versorgungseinrichtungen stellt es ein sehr herausforderndes Betätigungsfeld dar.“ Damit ist eines klar: Fortsetzung folgt.