Göttinger Ärzte weisen nach, wie sehr wohldosiertes Training bei Herzschwäche hilft
Bluthochdruck, Fett- und Zuckerstoffwechselstörungen sowie Übergewicht sind Komponenten des Metabolischen Syndroms, über das die STIFTUNG RUFZEICHEN GESUNDHEIT! seit Jahren Aufklärung betreibt. Oft genug beruhen diese Störungen auf einem ungesunden Lebenswandel mit zu wenig Bewegung und einer einseitigen, kohlenhydrat- und fettreichen Ernährung. Wenig bekannt ist, dass ein wenig aktiver Lebensstil auch die Gefahr für Herzschwäche erhöht – besonders für die Form, bei der der Herzmuskel versteift. Da die medikamentösen therapeutischen Möglichkeiten für diese Form sehr begrenzt sind, setzen Ärzte der Universität Göttingen auf körperliches Training. Der Erfolg gibt ihnen recht.
Mit der Kraft des Herzens schwindet oft auch die Lebensqualität. Im Haus von Hans-Dieter W. bekamen das vor drei Jahren sogar die Hunde zu spüren: Jahrzehntelang hatte der 70-Jährige Hundesport betrieben, hatte seine Schäferhunde regelmäßig im Garten trainiert und war mit ihnen zu Ausstellungen und Wettbewerben gefahren. Doch mit einem Mal war damit Schluss. „Ich hatte nicht mehr die Kraft“, erinnert sich der Mann aus der Nähe von Göttingen. „Sobald ich mich ein wenig belastete, bekam ich kaum noch Luft.“ Nach dem Besuch beim Hausarzt stand die Diagnose fest: Herzschwäche.
Vorschäden schaden
W. ist kein Einzelfall. Sein Schicksal teilen viele. Herzinsuffizienz, wie Mediziner das Problem nennen, betrifft in Deutschland Schätzungen zufolge 1,3 bis 1,5 Millionen Menschen. Tendenz steigend. Manchmal treten die Beschwerden schon mit 50 Jahren auf, ab Mitte 60 sind sie sehr häufig. Der Grund: Herzschwäche ist oft die Folge anderer Erkrankungen. Beispielsweise ist die Gefahr deutlich erhöht, wenn das Herz zuvor aufgrund eines Infarkts, einer Entzündung oder eines Herzklappenfehlers Schäden erlitten hat.
„Noch vor einigen Jahren war dies der häufigste Entstehungsmechanismus“, sagt Dr. Frank Edelmann, Kardiologe am Herzzentrum Göttingen. „Doch heute stellen wir fest, dass Herzschwäche immer häufiger mit Gesundheitsstörungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder auch Übergewicht in Zusammenhang steht.“ Kurz: Die Komponenten des Metabolischen Syndroms, über dessen Risiken die STIFTUNG RUFZEICHEN GESUNDHEIT! die Öffentlichkeit seit Jahren aufklärt, hat erhebliche Folgen für die Herzgesundheit.
Zwei Varianten
Noch deutlicher wird diese Schlussfolgerung beim genaueren Betrachten der Diagnosen, denn Herzschwäche ist nicht gleich Herzschwäche. „Es gibt zwei grundsätzlich unterschiedliche Varianten“, erklärt Edelmann. Zum einen entsteht Herzschwäche, wenn der Herzmuskel an Kraft einbüßt. Ärzte sprechen von einer systolischen Herzinsuffizienz. Bei der diastolischen Herzschwäche, der anderen Form, verliert der Muskel prinzipiell nicht an Kraft, sondern er versteift. „Während noch vor einigen Jahren die diastolische Variante im Verhältnis seltener war, macht sie heute die Hälfte aller Fälle von Herzinsuffizienz aus“, sagt Edelmann.
Die Zunahme verwundert insofern nicht, als Ärzte davon ausgehen, dass bei dieser Form der Zusammenhang mit einem ungesunden Lebensstil und den erwähnten Risikofaktoren besonders eng ist. Angesichts der massiven Zunahme des Metabolischen Syndroms in Deutschland – aber auch weltweit – erklärt sich das immer häufigere Auftreten fast von selbst. „Das derzeitige Verhältnis zwischen systolischer und diastolischer Herzschwäche beträgt 50 zu 50. Und in Zukunft wird sich dies mehr und mehr in Richtung der zweiten Variante verschieben“, mutmaßt Edelmann.
Schlechte Prognose
Herzschwäche ist eine sehr ernste Erkrankung – mit einer schlechten Prognose. Statistiker haben errechnet, dass von 100 Patienten, die wegen Herzinsuffizienz im Krankenhaus stationär behandelt werden, mehr als 50 in den kommenden vier Jahren sterben. Ein wenig besser sieht es aus, wenn bisher noch keine Krankenhauseinweisung nötig war: Dann liegt für die Variante, bei der der Muskel versteift, die Chance, die nächsten vier Jahre zu überleben, bei immerhin 70 bis 75 Prozent.
Schuld an der Versteifung ist übrigens eine Störung im Stoffwechsel des Stützeiweißes Kollagen. Es wird vermehrt gebildet und lagert sich um die Herzmuskelzellen herum ab. „Die Elastizität des Herzens nimmt ab“, sagt Edelmann. „Deshalb weiten sich die Herzkammern in der Entspannungsphase, der Diastole, weniger, so dass weniger Blut einströmt.“ Besonders bei Belastung spüren die Betroffenen die Folgen: Sie bekommen keine Luft mehr, weil das Herz nicht die nötige Menge an sauerstoffreichem Blut in den Kreislauf pumpen kann.
Ultraschall zur Diagnostik
Um diese Veränderungen am Herzen genau festzustellen, greifen Mediziner – neben dem Elektrokardiogramm (EKG) – vor allem auf Ultraschall zurück. „Damit lässt sich anhand bestimmter Parameter die Steifigkeit des Muskels bestimmen“, erläutert Edelmann. Die effiziente Diagnostik hat Auswirkung auf die Therapie – zunächst allerdings eher zu Ungunsten des Patienten. Denn: Während die Ärzte einem schwachen Herzmuskel – die andere Ursache für eine Herzschwäche – mit Medikamenten helfen können, sind ihnen bei einer Störung des Kollagenstoffwechsels die Hände gebunden. „Es gibt Medikamente, die die Beschwerden lindern, aber das eigentliche Problem lässt sich mit Arzneien nicht beheben“, sagt Edelmann. „Um ein Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern, ist es daher derzeit entscheidend, die vorliegenden Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Diabetes wirkungsvoll zu behandeln.“
Sport als Therapie
Herausführen aus dem therapeutischen Dilemma kann zum Glück der Sport. Angesichts einer immer größeren Zahl von Patienten mit diastolischer Herzinsuffizienz unternahm Edelmann schon vor einigen Jahren den Versuch, die Leistungsfähigkeit der Herzinsuffizienz-Patienten mit wohldosiertem Training unter ärztlicher Anleitung zu bessern. „Es war wirklich erstaunlich: Die Beschwerden der Patienten gingen zurück, ihre Leistungsfähigkeit besserte sich und damit auch ihre Lebensqualität“, beschreibt Edelmann seine Erfahrungen.
Was lag näher, als diese positiven Auswirkungen in einer Studie zu untersuchen? Also ließen Edelmann und sein Team Patienten sechs Monate lang anhand ihres Sportprogramms trainieren. In den ersten vier Wochen ging es dabei nur um Ausdauer. „Die Belastung stieg langsam von 50 auf 70 Prozent der maximalen Leistungsfähigkeit“, sagt Edelmann. Die gleiche Steigerung der Intensität galt auch für die Kraftübungen, die allerdings erst nach vier Wochen Training begannen. „Zwei, später drei Einheiten pro Woche reichten aus“, sagt Edelmann. Nach sechs Monaten ging es allen Teilnehmern besser. Edelmann: „Die Untersuchung bestätigte unsere Erfahrungen. Die Patienten waren belastbarer, und sie fühlten sich besser.“
Einfluss auf den Kollagenstoffwechsel
Die Ergebnisse sind so überzeugend, dass nun eine große Folgestudie ansteht. Diesmal werden die Teilnehmer in 21 Zentren in Deutschland und Österreich rekrutiert. „Wir wollen zeigen, dass es den Patienten nicht nur subjektiv besser geht, sondern dass es auch zu weniger Krankenhauseinweisungen kommt und sich ihre Prognose bessert“, beschreibt Edelmann die Zielsetzung. Tatsächlich lassen die Ultraschalluntersuchungen der bisherigen Studienteilnehmer vermuten, dass Sport den Kollagenstoffwechsel beeinflusst und die Elastizität des Herzmuskels bessert. „Das ist eine Hypothese, die wir mit der neuen Studie belegen wollen“, sagt Edelmann.
Ob sein Kollagenstoffwechsel sich gebessert hat, ist Hans-Dieter W. vollkommen schnuppe. „Mir geht es viel besser“, sagt der 70-Jährige. „Das ist das Entscheidende.“ Fast drei Jahre sind seit seiner Studienteilnahme in Göttingen inzwischen verstrichen. Natürlich trainiert er immer noch – nicht mehr in der Klinik unter ärztlicher Aufsicht, wie zu Beginn, sondern im Fitness-Center. „Das klappt wunderbar: Ich weiß genau, welche Übungen ich machen muss und wie ich mich belasten darf“, sagt er. Längst hat auch seine zweijährige Hündin Raica etwas von der verbesserten Gesundheit ihres Herrchens: W. trainiert wieder regelmäßig mit ihr im Garten.
06.10.2009