Zu viele Kilos spielen bei verschiedenen Krebserkrankungen eine Rolle und scheinen zudem die Behandlung zu erschweren
Expertenschätzungen zufolge waren im Jahr 2008 in Europa mindestens 124.000 aller neuen Krebserkrankung durch Übergewicht bedingt. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher aus Großbritannien, der Schweiz und den Niederlanden, die ein neues Hochrechnungsmodell entwickelt haben. Die Studie, die die Krebsfälle in 30 europäischen Ländern untersucht, erscheint demnächst in der Zeitschrift International Journal of Cancer.
Für ihre Berechnungen nutzen die Forscher verschiedene Datenquellen – unter anderem der WHO sowie der International Agency for Resarch on Cancer. Für das Jahr 2002 kamen sie zu folgendem Ergebnis: Mehr als 70.000 der fast 2,2 Millionen neuen Krebsdiagnosen in den 30 europäischen Staaten ließen sich auf Übergewicht zurückführen. Dabei zeigten sich in den verschiedenen Ländern unterschiedliche Quoten: Während sich in Dänemark bei Frauen in nur 2,1 Prozent der Fälle und bei Männern nur in 2,4 Prozent ein Bezug zu Übergewicht fand, galt das in Deutschland bei Frauen für 4,8 Prozent und bei Männern für 3,3 Prozent. Damit lag Deutschland europaweit im Mittelfeld.
Ausgehend von diesen Zahlen errechneten die Forscher die Zahlen für das Jahr 2008. Sie berücksichtigten auch Faktoren wie die um sich greifende Gewichtszunahme, die abnehmende Zahl an Hormonersatzbehandlung bei Frauen oder die größere Inanspruchnahme wirksamer Krebsfrüherkennungsmaßnahmen. Ihre Ergebnisse überraschen: Demnach stieg die Zahl an Krebserkrankungen, die auf Übergewicht zurückgehen, von 2002 bis 2008 auf 124.050. Bei Männern seien zu viele Kilos für 3,2 Prozent der neuen Krebsfälle verantwortlich, bei Frauen für erstaunliche 8,6 Prozent, meinen die Forscher. An erster Stelle rangieren dabei Gebärmutterhalskrebs mit 33.421 Fällen, gefolgt von Brustkrebs (27.770) und Dickdarmkrebs (23.730). „Dabei wollten wir auf keinen Fall Effekthascherei betreiben“, sagt Studienleiter Dr. Andrew Renehan. „Es handelt sich vielmehr um zurückhaltende Schätzungen. Sehr wahrscheinlich liegen die tatsächlichen Zahlen noch viel höher.“
Übergewicht scheint nicht nur auf die Entstehung, sondern auch auf die Wirksamkeit von Krebsbehandlungen sowie auf die Rückfallquote einen Einfluss zu haben. Das lassen Laborexperimente von Professor Steven Mittelmann von der University of Southern California vermuten. Seine Studie erschien kürzlich in der Online-Ausgabe der Zeitschrift Cancer Research. Als er schlanke und übergewichtige Mäuse mit Blutkrebs chemotherapeutisch behandelte, erlitten die Tiere mit vielen Fettzellen deutlich häufiger einen Rückfall – obwohl die Medikamentenmenge an ihr höheres Gewicht angepasst worden war. Außerdem konnte der Forscher zeigen, dass Chemotherapeutika weniger wirksam sind, wenn sich neben den Krebszellen auch Fettzellen in der behandelten Zellkultur befinden. Welche Mechanismen hinter diesen Beobachtungen stecken, sollen weitere Experimente aufdecken.
06.10.2009