Das Metabolische Syndrom – Lebensaufgabe und gesellschaftliche Herausforderung

Wie bei vielen wichtigen Entdeckungen half am Anfang der Zufall. Professor Markolf Hanefeld, Direktor des Forschungsbereichs Endokrinologie und Stoffwechsel am Zentrum für Klinische Studien in Dresden und Vorstand der Stiftung RUFZEICHEN GESUNDHEIT!, erinnert sich noch genau an sein überraschendes Erlebnis Anfang der 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts: "Damals wollte ich untersuchen, ob alle Menschen, die aufgrund erhöhter Leberwerte als Blutspender ausgeschlossen wurden, an einer chronischen Hepatitis litten." Dazu begutachtete der angehende Endokrinologe Leberproben der Betroffenen unter dem Mikroskop: Eine Entzündung fand er bei den wenigsten, dafür aber bei mehr als der Hälfte eine Verfettung. Komisch, dachte sich Hanefeld, und begann nach den Ursachen zu suchen. Dass diese Suche zu einer Lebensaufgabe werden würde, war dem gebürtigen Dresdner damals wohl noch nicht bewusst. Dass das Metabolische Syndrom, dem er von dem Moment an auf der Spur war, für die Gesellschaft bald ein enormes Problem darstellen würde, dagegen schon.

Wie viele andere Länder der Welt ist Deutschland längst an dem Punkt angekommen: Einigkeit herrscht unter den Experten hierzulande, dass mehr als ein Drittel aller Menschen über 50 Jahre vom Metabolischen Syndrom betroffen sind. An dieser fatalen Kombination aus Krankheiten wie Fettsucht, Diabetes, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen oder auch Arteriosklerose leiden in den USA in der gleichen Altersgruppe sogar mehr als 50 Prozent. Hanefeld glaubt, auch in Deutschland würde dieses Niveau bald erreicht: "Noch ist die Situation hier zwar nicht ganz so dramatisch wie in den Vereinigten Staaten, aber die Tendenz geht eindeutig in die gleiche Richtung." Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich in vielen anderen Ländern ab. So nehme in Japan, China, Russland und Indien die Häufigkeit besonders stark zu, sagt Hanefeld. Überraschend ist das nicht. Denn: Das Metabolische Syndrom korreliert mit zunehmendem Wohlstand – nicht umsonst gibt es daher den synonymen Begriff "Wohlstandssyndrom", den der Münchner Diabetologe Mehnert in den 70er-Jahren geprägt hat. Je größer der Überfluss an hochkalorischen Nahrungsmitteln in einer Gesellschaft ist, desto größer ist die Gefahr, dass viele sich falsch ernähren und zu wenig bewegen. Damit legen sie den Grundstein für die Vielzahl von Symptomen und Krankheiten, die sich letztendlich zum Metabolischen Syndrom zusammenfügen.

Auch wenn die Patientenzahlen ansteigen, ein Umdenken hat bereits eingesetzt. "Als meine Kollegen Haller und Leonhardt mit mir Anfang der 80er-Jahre das Konzept vom Metabolischen Syndrom entwickelten, stellten wir fest, dass die meisten Ärzte nicht über ihren Fachbereich hinausblickten", erinnert sich Hanefeld. "Blutdruckspezialisten behandelten den Blutdruck, Diabetologen die Zuckerkrankheit und Internisten die Fettstoffwechselstörung eines Patienten." Das sei inzwischen anders, stellt der Stoffwechselspezialist fest. "Heute wissen die meisten, dass es der falsche Ansatz ist, die einzelnen Komponenten des Metabolischen Syndroms unabhängig voneinander zu behandeln. Den Betroffenen hilft vor allem ein ganzheitliches Konzept."

Basis jeder Therapie ist ein grundlegender Wandel der Lebensgewohnheiten. Dazu gehört immer eine Umstellung der Ernährung. Frisches Obst und Gemüse sowie Fisch sollten häufiger verzehrt werden, fettreiche Nahrungsmittel wie Schweinefleisch oder Milchprodukte seltener. Genauso wichtig ist es, sich mehr zu bewegen. Experten wie der Sportwissenschaftler Professor Klaus Bös von der Universität Karlsruhe, der auch im wissenschaftlichen Beirat der Stiftung RUFZEICHEN GESUNDHEIT! vertreten ist, sehen gerade in diesem Punkt enormen Verbesserungsbedarf. Bös: "Von der Empfehlung, 800 Kilokalorien pro Woche zusätzlich durch sportliche Betätigung zu verbrauchen, sind die meisten Menschen in Deutschland weit entfernt. Nur rund zehn bis 15 Prozent erfüllen diese Vorgabe."

Nur mit Sport und einer Ernährungsumstellung erreichen Menschen, die am Metabolischen Syndrom leiden, bereits eine Verbesserung ihrer Stoffwechselsituation. Der Nüchternblutzucker sinkt, der Triglycerid-Spiegel im Blut ebenfalls. Bemerkbar machen sich die Veränderungen für die Betroffenen dadurch, dass ihre körperliche Belastbarkeit wieder ansteigt, der Blutdruck sinkt und das Körpergewicht – nach einer gewissen Zeit zumindest – abnimmt. In vielen Fällen sind allerdings zusätzlich Medikamente nötig, um die Gefahr von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Gefäßveränderungen zu reduzieren: Liegt ein Diabetes vor, muss eine zuckerarme Diät eingehalten und eventuell blutzuckersenkende Medikamente oder Insulin verabreicht werden, bei hohen Cholesterin-Spiegeln kommen fettsenkende Arzneien wie Statine zum Einsatz. Blutdruckmedikamente wie Diuretika, ACE-Hemmer oder Kalzium-Antagonisten helfen bei der Normalisierung des Blutdrucks.

Am besten ist es natürlich, wenn es gar nicht erst so weit kommt. Wie gelingt es, die Krankheiten zu verhindern, bevor sie auftreten? Klar: mit mehr Bewegung und einer besseren Ernährung. Doch gerade in puncto "Prävention des Metabolischen Syndroms" liegt vieles im Argen. Am besten illustrieren das die Kinder und jungen Erwachsenen mit Übergewicht und Typ-2-Diabetes, einer ursprünglich nur bei älteren Menschen vorkommenden Diabetes-Form. Ihre Zahl steigt rapide an. Die Gründe sind die gleichen wie bei Erwachsenen: Die jungen Menschen nehmen zu viel Fette und Kohlenhydrate zu sich – ein Überschuss an Energie, die sie nicht verbrauchen, weil sie sich nicht bewegen.

Vorbeugung hält daher auch Dr. Marianne Koch, Präsidentin der Deutschen Schmerzliga und Schirmherrin der Deutschen Hochdruckliga, für entscheidend im Kampf gegen das Metabolische Syndrom: "Die Menschen müssen erkennen, dass sie sich durch präventives Verhalten sehr viel Leid ersparen können." Das könne durchaus als Chance verstanden werden, meint die Internistin, die ebenfalls Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Stiftung RUFZEICHEN GESUNDHEIT! ist. Schließlich habe es jeder selbst in der Hand, sein Risiko für Krankheiten wie Diabetes oder Hochdruck zu senken. "So können wir die zusätzlichen Jahre, die uns durch die gestiegene Lebenserwartung geschenkt werden, zu gesunden und aktiven und zu Jahren voller Lebensqualität machen."

14.03.2006

 
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