Glotzend zum Couch-Potato?

Münchner Medienstudie beleuchtet kritisch die Bedeutung des Fernsehkonsums für die Entstehung von Übergewicht

Sogar bis in den Duden hat sie es geschafft, die Couch-Potato. Als « jemand, der sich nicht sportlich betätigt, sonder am liebsten fernsehend auf der Couch sitzt oder liegt » wird sie dort beschrieben. Der Definition fehlen eigentlich noch zwei Zusätze: Couch-Potatos sind übergewichtig und haben eine TV-Fernbedienung in der Hand. « So sieht das Bild in der Öffentlichkeit tatsächlich aus », bestätigt Dr. Constanze Rossmann vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München. «In unserer Studie wollten wir deshalb herausfinden, welche Bedeutung den Medien und speziell dem Fernsehen bei übergewichtigen Menschen zukommt, die der gängigen Meinung nach als Couch-Potatos gelten. »

Da haben sich die Münchner Wissenschaftler einem komplexen Problem angenommen. Unzweifelhaft steht fest: Dass weltweit immer mehr Menschen Gewichtsprobleme aufweisen, hat sicher nicht nur eine einzige Ursache. Neben einer ungesunden Ernährung und zu wenig Bewegung spielen unter anderem auch genetische sowie gesellschaftliche Gründe eine Rolle. Fakt ist: In Deutschland gelten derzeit mindestens 65 Prozent der Männer und mehr als 50 Prozent der Frauen als übergewichtig. Problematisch sind vor allem die drohenden gesundheitlichen Konsequenzen. Denn sehr häufig gehen mit Übergewicht Bluthochdruck sowie Fett- und Zuckerverwertungsstörungen einher. Diese typische Kombination bezeichnen Mediziner als metabolisches Syndrom – mitunter auch als „tödliches Quartett“, eine Bezeichnung, die auf das deutlich erhöhte Risiko der Betroffenen für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zurückzuführen ist. Die Aufklärung über das metabolische Syndrom und seine Folgen hat sich die Stiftung RUFZEICHEN GESUNDHEIT! zur Aufgabe gemacht.

Dürftige Studienlage

„Verlässliche Untersuchungen, die die Mediennutzung von Erwachsenen erfassen, gibt es bisher nur sehr wenige”, erklärt Rossmann. „Meistens handelt es sich um medizinische Studien, die das Verhalten nur sehr oberflächlich abfragen.” Doch knappe Fragen, unter anderem zur täglichen Fernsehdauer, erlauben eben keine genauere Beschreibung des Zusammenhangs. Bei Kindern sei die Studienlage, so Rossmann, ein wenig eindeutiger: Bei ihnen hätten eine Reihe von Untersuchungen – auch über mehrere Jahre hinweg – die Verbindung zwischen Fernsehkonsum und Gewicht tatsächlich nachgewiesen.

Die Münchner Forscher stützen sich für ihre Studie auf einen Datensatz, der aus über 19.000 persönlichen Interviews mit Erwachsenen bestand. Dabei ging es in erster Linie nicht um Medizinisches, sondern um allgemeines Konsumverhalten – wie beispielsweise bevorzugte Biermarken oder Schokoladenriegel. Rossmann: „Das Gute an dieser Umfrage ist, dass neben der Mediennutzung auch viele Informationen zur Gesundheit erfasst wurden wie Körpergewicht, Ernährungsgewohnheiten und Freizeitverhalten mit den sportlichen Aktivitäten.”

Überraschendes Fazit

Zunächst machten sich die Münchner Kommunikationsforscher daran, anhand der Daten den Begriff des „Couch-Potatos” genauer zu beschreiben. „Es zeigte sich, dass es das Phänomen überwiegend auf ältere Männer mit geringerem Einkommen und niedrigerem Bildungsniveau zutraf”, sagt Rossmann. Im Vergleich verbrachten sie etwas mehr Zeit als normalgewichtige Vergleichspersonen vor dem Fernseher, bewegten sich weniger und gaben übermäßig häufig an, gerne Sportsendung zu sehen. „Die Gewohnheiten in Bezug auf andere Fernsehinhalte unterschieden sich dagegen kaum”, räumt Rossmann ein.

Die statistischen Tests, mit denen die Forscherin den Zusammenhang zwischen Mediennutzung und Körpergewicht untersuchte, lieferten – unter Berücksichtigung wichtiger Einflussfaktoren wie Ernährungsverhalten, Einstellungen zur Ernährung, Freizeitverhalten und körperliche Aktivität – ein überraschendes Ergebnis. Rossmanns Fazit: „Diesen Daten nach zu urteilen muss man davon ausgehen, dass weder die Nutzungsdauer noch die Art der Programme tatsächlich einen Einfluss auf das Körpergewicht haben.” Anders ausgedrückt: Das Fernsehen ist also nicht die Wurzel des Übels, sondern nur Ausdruck einer ausgeprägten Passivität der Betroffenen. „Legt man unsere Ergebnisse zugrunde, lässt sich durchaus schlussfolgern, dass das Fernsehen an sich weniger Bedeutung für Übergewicht hat als bisher vermutet”, fasst Rossmann zusammen.

Auf einen überraschenden Effekt stießen die Forscher, als sie die Teilnehmer anhand ihres Body-Mass-Index (BMI) in vier Gruppen (untergewichtig, normalgewichtig, übergewichtig, fettleibig) einteilten und diese Gruppen getrennt auswerteten. ”Für Menschen mit Untergewicht und Fettleibige zeigte sich dabei tatsächlich ein Zusammenhang zwischen der Fernsehdauer und ihrem Gewicht. Über die Gründe lässt sich aber nur spekulieren”, sagt Rossmann. „Bei den Untergewichtigen könnte man vermuten, dass die im Fernsehen vermittelten Schönheitsideale von untergewichtigen Modells eine Rolle spielen.” Bei den Adipösen könne Werbung einen Einfluss haben. Doch die Kommunikationswissenschaftlerin schränkt ein: „Eine Ursache-Wirkung-Beziehung lässt sich aus unseren Daten nicht ableiten.”

Rückschlüsse für die Vorbeugung

Gewisse Schlussfolgerungen in Bezug auf die Prävention von Übergewicht ermöglicht die Untersuchung gleichwohl. „Während die Befundlage bei Kindern vermuten lässt, dass es bereits positive Auswirkungen auf das Übergewicht hat, wenn nur die Fernsehdauer reduziert wird”, sagt Rossmann, „muss man davon ausgehen, dass dies bei Erwachsenen nicht ausreicht. Vielmehr muss man bei ihnen wohl ihrer allgemeinen Passivität entgegenwirken.” Ein schwieriges Unterfangen, denn oftmals hat die Trägheit Wurzeln, die bis in die Kindheit reichen. „In der Jugend wird der Lebensstil entscheidend geprägt. Ihn im Erwachsenenalter zu ändern, fällt extrem schwer”, sagt Rossmann.

Damit bestätigt die Münchner Untersuchung letztlich das, worauf Mediziner seit Jahren regelmäßig hinweisen. Das Fundament für eine nachhaltige Prävention von Übergewicht wird in der Kindheit gelegt. Dazu gehöre auch, meint Rossmann, die Medienkompetenz frühzeitig zu fördern. „Schon Kinder sollten lernen, wie Medien funktionieren, wie wenig realistisch sie oft sind und wie man mit dem Gezeigten am besten umgeht.” Als Beispiel verweist die Wissenschaflerin auf die im Fernsehen bisweilen gezeigten Strategien von Frustbewältigung: In manchen Serien greifen Darsteller ins Tiefkühlfach und essen eine komplette Packung Eis, wenn es ihnen schlecht geht. „Ein solcher Umgang mit Kummer kann leicht als beispielhaft verstanden werden”, gibt Rossmann zu bedenken. „Für junge Zuschauer ist es daher entscheidend, dass sie auf andere, vor allem gesündere Möglichkeiten der Stressbewältigung aufmerksam gemacht werden.”

Die Bedeutung von Massenmedien in der Prävention

Uneingeschränkt positiv schätzt die Wissenschaftlerin dagegen die Rolle von Massenmedien in puncto Aufklärung ein. „Auch wenn es mit diesen Medien kaum gelingt, Menschen zu einer Verhaltensänderungen zu bewegen, unverzichtbar sind sie, um ein Problembewusstsein zu vermitteln”, sagt Rossmann. „Nur wenn die Betroffenen wissen, was Übergewicht für Folgen hat und was sie dagegen tun können, besteht eine realistische Hoffnung, dass sie ihren Lebensstil ändern.”

11.05.2009

 
  Nachdruck erwünscht – bitte immer mit Angabe der Quelle Stiftung RUFZEICHEN GESUNDHEIT!