Weltweiter Schulterschluss gegen die Zuckerkrankheit

Mit erstaunlichem Erfolg startet das von einem Dresdner Arzt initiierte Internet-Netzwerk „Active in Diabetes Prevention“

Wenn es um den Diabetes geht, sprechen Mediziner und Wissenschaftler seit Jahren gerne von einem globalen Problem. Weltweit sei die Krankheit rasant auf dem Vormarsch, heißt es immer wieder. Nun hat sich ein deutscher Arzt dazu entschlossen, die Welt zusammenzuführen – die Welt der Präventionsexperten. Seit Mitte des Jahres 2009 können Interessierte auf der Internet-Seite www.activeindiabetesprevention.com sich an einem Präventionsnetzwerk beteiligen. Fast 2500 Ärzte, Wissenschaftler und Gesundheitspolitiker haben das inzwischen getan.


Facebook – oder auch StudiVZ – machen es schon lange vor: Weltweite Netze zu spinnen, dafür ist das Internet bestens geeignet. Warum sollte das nicht auch in der Diabetes-Prävention klappen? Bei einem Mittagsessen in der Kantine der Dresdner Universitätsklinik kam diese Frage im Mai 2009 auf den Tisch. Dort saßen: ein Präventionsmediziner und ein Programmierer. Sechs Monate später hat das damals erdachte Projekt alle Erwartungen übertroffen. „Wir hatten uns vorgenommen, bis Ende des Jahres 2009 rund 300 Leute in das Netzwerk aufzunehmen. Jetzt sind es schon über 2400“, berichtet der Initiator, Professor Peter Schwarz von der Carl Gustav Universität Dresden. Der Mediziner engagiert sich seit Jahren in verschiedenen Präventionsprojekten, wenn es um die Themen Diabetes und Metabolisches Syndrom geht.


Alarmstufe Rot

Diabetes und Metabolisches Syndrom – die beiden Zustände sind fast untrennbar miteinander verbunden. Denn das Metabolische Syndrom mit seinen Komponenten Fett- und Zuckerstoffwechselstörung, Übergewicht und Bluthochdruck geht in vielen Fällen einer Diabeteserkrankung voraus. Die Stiftung RUFZEICHEN GESUNDHEIT! hat sich daher die öffentliche Aufklärung über das Metabolische Syndrom zur Aufgabe gemacht.

Es herrscht Alarmstufe Rot. Schon heute leben neuen Schätzungen zufolge ungefähr 7,5 Millionen Diabetiker in Deutschland. Die 10-Millionen-Marke ist sicherlich bald geknackt. Weltweit steuert die Zahl der Betroffenen stramm auf die 300 Millionen zu. 50 Millionen Diabetiker gibt es derzeit in Indien, 27 Millionen in den USA, zehn Millionen in Russland, acht Millionen in Brasilien, und dann kommt auch schon Deutschland. „Keine Frage, Diabetes ist ein globales Problem“, sagt Schwarz, der demnächst in Dresden den Weltkongress Diabetes-Prävention (08. bis 11. April 2010) organisiert. „Und ein globales Problem braucht globale Antworten.“


Überwältigender Anfangserfolg

Schwarz hofft darauf, dass das Netzwerk künftig solche Antworten liefert. Unberechtigt ist diese Hoffnung nicht, denn – wie der überwältigende Zuspruch zeigt – hat die Idee in kürzester Zeit eine erstaunliche Dynamik entwickelt. Dieser Anfangselan im Netzwerk hat den Präventionsmediziner kürzlich sogar bis nach Bangkok befördert: „Einige der asiatischen Diabetes-Gesellschaften sind Mitglied im Netzwerk geworden. Dadurch ist der Kontakt mit der Organisation „Diabetes-free Bangkok“ zustande gekommen, die uns auf ihr Jahrestreffen eingeladen hat.“

Kommentare von Diabetes-Experten aus Afrika, den USA oder auch Mittelamerika zieren die Internet-Seite www.activeindiabetesprevention.com. Die Mitgliederstatistik zeigt, dass das internationale Flair nicht nur Show ist. Zwar dominieren die Deutschen (ca. 530 Mitglieder), doch Kanadier, Finnen, Italiener und US-Amerikaner folgen knapp dahinter (alle zwischen 200 und 300 Mitglieder). „Wir haben sogar zwei Mitglieder im Irak und zwei auf den Malediven“, erklärt Schwarz mit gewissem Stolz.

Überwiegend Ärzte interessieren sich derzeit für den weltweiten Austausch zum Thema Diabetes. „Mitmachen kann aber jeder, der an Präventions-Projekten interessiert ist“, sagt Schwarz. Egal, ob ein Hausarzt Maßnahmen für seine Patienten anbieten, ein Diabetesberater sich an einer Studie beteiligen, ein Gesundheitspolitiker ein Präventionsprogramm unterstützen oder jemand sich einfach nur informieren will.

„Alle Ideen sind willkommen“, sagt Schwarz und berichtet von einem holländischen Arzt, der neulich im Netzwerk auf eine große holländische Studie zur Diabetes-Prävention hinwies. „Es hat mich schon überrascht, dass ich das Projekt nicht kannte“, räumt Schwarz ein, der in Sachen Prävention europaweit aktiv ist. „Gleichzeitig zeigt das aber auch, welche Möglichkeiten das Netzwerk eröffnet.“


Kleinstipendien für Forscher aus der Dritten Welt
Bisher stemmt der Initiator die Pflege der Webseite und den alle zehn Tage erscheinenden Newsletter alleine. „Noch geht das, aber wenn das Netzwerk weiterwächst, brauche ich Hilfe“, sagt Schwarz und schätzt, dass 5.000 bis 10.000 Mitglieder ein realistisches Ziel für sein Netzwerk sind. „Wenn es uns gelingt, in diese Größenordnungen vorzustoßen, dürfte es auch möglich sein, die Finanzierung auf solide Beine zu stellen.“ Das wäre ein wichtiger Schritt, denn Schwarz hat weitere Ideen: Eines Tages sollen über das Netzwerk Kleinstipendien von einigen Tausend Euro an Präventionsforscher in ärmeren Ländern vergeben werden. „Dort haben viele Wissenschaftler richtig gute Ideen“, sagt Schwarz, „nur fehlt ihnen das Geld, sie umzusetzen.“

Seine nächste Feuertaufe erlebt das Netzwerk in den kommenden Tagen. Das europäische IMAGE-Projekt (Improving Diabetes Prevention in Europe), an dem Schwarz ebenfalls beteiligt ist, hat Praxisleitlinien „Diabetes-Prävention“ entwickelt. Darin sollen Ärzte künftig nachschlagen, wenn sie wissen möchten, wie bestimmte Maßnahmen effektiv gestaltet werden. „Im Gegensatz zu sonst haben wir uns entschlossen, diese Leitlinien auf der Internet-Seite des Netzwerkes zu veröffentlichen und sie von unseren Mitgliedern begutachten zu lassen“, berichtet Schwarz. Sonst nehmen Wissenschaftler hinter verschlossenen Türen diese Begutachtung vor. Diesmal also der Weg in die virtuelle Öffentlichkeit. Sicherlich ist das die richtige Entscheidung, denn die meisten Mitglieder im Netzwerk sind mit der Praxis bestens vertraute Experten. Wenn nicht sie, wer sonst sollte wissen, wie Diabetes-Prävention am besten funktioniert?


Web-Tipp

Weitere Informationen zum Projekt „Aktiv in der Diabetes-Prävention“ finden sich auf der Internet-Seite des Netzwerkes: www.activeindiabetesprevention.com. Dort kann sich jeder, den das Thema Diabetes-Prävention interessiert, registrieren lassen. Zum Service der Internet-Seite gehört ein regelmäßiger Newsletter. Zudem lässt sich leicht mit anderen Mitgliedern Kontakt aufnehmen und nach Experten mit bestimmten Schwerpunkten in der Diabetes-Prävention suchen. Die Betreiber erhoffen sich von der virtuellen Gemeinschaft einen kräftigen Schub für die Diabetes-Prävention weltweit.

16.12.2009

 
  Nachdruck erwünscht – bitte immer mit Angabe der Quelle Stiftung RUFZEICHEN GESUNDHEIT!